Wie kann es sein, dass 2025 das Jubiläum „100 Jahre Universitätsmedizin Münster“ ansteht, die dortige Chirurgie aber bereits 2023 ihr 100-jähriges Bestehen feierte? Die Erklärung: Schon vor der Eröffnung der Medizinischen Fakultät wurde aus Breslau Hermann Coenen auf den Lehrstuhl für Chirurgie berufen – 1923, zur Zeit der Hyperinflation, die den Aufbau der Fakultät hemmte. Für den gebürtigen Tecklenburger gleichwohl eine reizvolle Möglichkeit, in die westfälische Heimat zurückzukehren und die universitäre Chirurgie in Münster neu aufzustellen. Hier bezog er in einem bereits fertiggestellten Trakt der Klinik seine Dienstwohnung; so war er räumlich nahe am Geschehen und konnte die Ausstattung der Klinik beeinflussen – mit Erfolg: Trotz der schwierigen Umstände erfüllte sie modernste diagnostisch-therapeutische, hygienische und technische Standards.
Als Gründungsdirektor der Chirurgischen Klinik und Dekan der Fakultät (1927/28) war Coenen auch am weiteren Aufbau der Universitätsmedizin maßgeblich beteiligt. Parallel erweiterte er seine eigene Forschung, etwa um die experimentelle Tumorforschung und neue Ansätze in der Neurochirurgie. In der NS-Zeit passte sich Coenen rasch an (NSDAP-Mitgliedschaft 1933), zeigte jedoch auch Solidarität mit politisch verfolgten Fakultätskollegen. Im Zweiten Weltkrieg war er Beratender Chirurg der Wehrmacht, zuletzt im Range eines Oberstarztes. 1945 regulär als Klinikdirektor entpflichtet, erhielt Coenen 1952 die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Insgesamt waren die Bemühungen der Fakultät in den damaligen Nachkriegsjahren spärlich, sich der Vergangenheit zu stellen. Quelle: Prof. Hans-Georg Hofer (wissen|leben, Nr. 5/2023)

