Das Gesicht des Mannes ist auf den Wangen, der Nase und Stirn großflächig mit roten Flecken übersät. Die restliche Haut hat ein natürliches Aussehen. Wimpern, Augenbrauen und Schnäuzer sehen zum Verwechseln echt aus. Die Augen des Patienten sind geschlossen. Seine Krankheit heißt Lupus erythematodes. Es ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem fehlreguliert ist und gesunde Zellen angegriffen werden. Eine Folge dieser Erkrankung ist die Schädigung der Haut. In den weißen, von außen unscheinbar wirkenden Sammlungsschränken in der Klinik für Hautkrankheiten des Universitätsklinikums Münster (UKM) sind neben dieser Moulage 120 weitere Modelle untergebracht. Sie zeigen überwiegend Infektionskrankheiten wie Hautdiphterie, Pocken oder Hautmilzbrand.
Die Mouleurin Elsbeth Stoiber war im April 2004 erneut in der Klinik für Hautkrankheiten zu Gast. Anlass war das Treffen der Arbeitsgemeinschaft Geschichte der Dermatologie und Venerologie in Münster. Bei dieser Veranstaltung restaurierte sie nicht nur von ihr gefertigte Moulagen, sie übereichte Sonja Ständer auch ein handgeschriebenes Rezept für die Herstellung der Modelle. „1000 Gramm reines gebleichtes Bienenwachs im Wasserbad verflüssigen, 150 Gramm Dammarharz-Pulver einrühren, viele Stunden lang verrühren …“: So lauten die ersten Zeilen der Anleitung. Dieser Zettel hängt jetzt in einem Sammlungsschrank und ist eine Besonderheit. Denn die Zusammensetzung der Wachsmischung verraten Mouleure meistens nicht. Deshalb lauten die letzten Worte auf dem Stück Papier: „Rezept nach alter Tradition geheim halten!!! Letzte Geheimnisträgerin Elsbeth Stoiber“. Heutzutage werden nur noch selten und fast ausschließlich in Zürich Moulagen angefertigt. Elsbeth Stoiber ist die letzte Mouleurin von internationalem Ruf. Neben ihrer Tätigkeit in Münster in den 1950er-Jahren stellte sie unter anderem auch Modelle für verschiedene Kliniken in Indien her. Von 1956 bis 1998 war Elsbeth Stoiber, die inzwischen verstorben ist, in der Zürcher Hautklinik tätig.
Dermatologische Moulagen werden durch einen Gipsabdruck vom Patienten angefertigt. Der Mouleur färbt die Wachsmischung in der Hautfarbe des Kranken ein und gießt damit den Abdruck aus. Die Oberfläche wird anschließend je nach Krankheitsbild eingefärbt und bemalt, Schuppen oder Blasen detailgetreu modelliert. Haare, Bartstoppeln, Wimpern und Augenbrauen setzt der Mouleur einzeln. Besonders Tierhaare eignen sich dafür. Elsbeth Stoiber verwendete häufig Haare ihrer Pudel. Ist die Moulage fertiggestellt, wird sie auf ein schwarzes Holzbrett aufgeschmolzen und mit weißem Leinen umrahmt.
Auch wenn es mit der digitalen Fotografie mittlerweile einfachere Möglichkeiten gibt, Hautkrankheiten zu dokumentieren, ist Sonja Ständer bis heute von der Moulagen-Sammlung fasziniert: „Die Geschichte der Menschheit wird für die Ewigkeit eingefroren – Fotos können das nicht. Und die Menschen hinter den abgebildeten Krankheiten hat es alle gegeben.“ Autorin: Kathrin Nolte (aus: „wissen|leben“ Nr. 4/2018)
